Kambodscha: Wie wohnt man als Missionar?

Die Missionarswohnung

Wie stellt man sich eine Missionarswohnung vor? Wahrscheinlich ist sie nicht anders als die von einem Einzelhändler, einem öffentlichen Angestellten, oder einem Mitarbeiter im Aussendienst. Eine Wohnung ist eine Wohnung. Trotzdem sind tief im Unterbewusstsein bestimmte Vorstellungen vorhanden.

Bevor wir nach Kambodscha zogen, fragten wir uns oft: was für eine Wohnung werden wir dort haben? Leben wir in einer Baracke, oder einem Holzhaus, womöglich auf Stelzen? Wenn uns Freunde vorher nach unserem Haus gefragt hatten, wussten wir keine Antwort.

Wohnung 1: Die "Luxusvilla"

Wir waren reichlich nervös, als wir 4 Tage nach unserer Ankunft unsere Wohnungen anschauen gingen. "Wir", das waren die Teamleiter David und Mary, die beiden anderen neuen Missionarsfamilien, und wir. Durch staubige Dreckstrassen mit tiefen Löchern marschierten wir in einer seltsamen Prozession zu Griffiths Haus. Ihre beiden 4- und 9 jährigen Kinder waren sehr aufgeregt, als David den Schlüssel im Schloss umdrehte, und den grossen, "eisernen Vorhang" zurück schob. Sie stützten sofort durch alle Räume, und wir kamen neugierig hinterher. Das Haus war hell und gross. Es hatte viele Zimmer, schöne Türen und grosse Fenster. So viel Luxus! Fast jeder Raum hatte eine eigene Toilette.

So hatten wir uns eine Missionarswohnung wirklich nicht vorgestellt. Behutsam begannen wir uns auszumalen, wie unsere Wohnung dann erst sein müsste. Vielleicht gibt es eine Badewanne? Steht in unserer Küche ein Backofen? Wie viele Räume hat unser Zuhause? Ein Gefühl der Erleichterung machte sich breit. Wenn es in einem Entwicklungsland solche Häuser gibt, dann werden wir es hier gut haben. Aber so viele Räume bräuchten wir nicht.

Wohnung 2: Die "Dunkelkammer"

Wir versammelten uns wieder, und machten uns auf den Weg zum Haus Nummer 2. Hier sollten Rickards unterkommen. Wir bogen einmal um die Ecke, und schon waren wir da. Wieder ein grosses Haus. Aufregend! Erneut schoben wir das eiserne Gitter auf die Seite, und betraten das Haus. Eben noch im hellen Sonnenschein, mussten sich unsere Augen erst an den düsteren Gang gewöhnen. Wir liessen die kahle Eingangshalle hinter uns liegen und stiegen eine enge und steile Steintreppe hinauf in den ersten Stock. Puh, was war das denn hier? Wir besichtigten einen dunklen Raum nach dem anderen. Die wenigen Fenster gaben einen atemberaubenden Blick auf Mauern und Gestrüpp frei. Die Wohnung schien unübersichtlich. Viele Räume dienten als Lagerräume für die Mission. Wir waren froh, als wir endlich wieder draussen waren.

Unsere überschwängliche Freude hatte sich leicht gewandelt. "Die Griffiths haben halt Glück. Sie haben die grosse Ausnahme erwischt," dachten wir uns. Und wir schraubten unser Bild von der grosszügigen Missionarswohnung schnell wieder herab. "Wenn es nicht ganz so dunkel ist, sind wir schon zufrieden. Wir nehmen unser Haus aus Gottes Hand, egal, wie heruntergekommen es ist..."

Wohnung 3: Die "Missionarswohnung"

Mary holte uns aus unseren Gedanken. "Jetzt gehen wir zu Eurem Haus", sagte sie. "Ihr werdet sehen, das ist eine richtige Missionarswohnung!" Schluck. Das klang fast wie eine Drohung. Noch schlimmer kann es eigentlich nicht werden, dachten wir uns. Wir versuchten, trocken durch eine grossen Pfütze zu kommen, in der zwei Schweine suhlten. Endlich standen wir vor einem grossen, grünen Gittertor. "Hier sind wir," erklärte David, der Teamleiter. Wir traten in die grossen Eingangshalle, aufs schlimmste vorbereitet. Der Empfangsraum war etwa so gross wie eine Garage, nur höher. Er war hell und freundlich, und diente gleichzeitig als Wohn- und Esszimmer. Dahinter befand sich ein weiterer Raum, ideal für ein Büro. Die Küche schloss sich an. Einen Backofen gab es nicht. Aber dafür einen Gasherd, und einen grossen Kühlschrank. Das Schlafzimmer befand sich im Obergeschoss. Als wir alles gesehen hatten, fiel uns ein Stein vom Herzen. Das war wirklich die ideale Wohnung für uns! Nicht zu gross, und nicht zu klein.

"Also, das ist das Beste, was wir für Euch finden konnten," entschuldigte sich Mary wieder bei uns. Wir haben wirklich keine andere gefunden. "Was ist denn so schlimm?" fragten wir. "Ja, ihr habt kein fliessendes Wasser. Ihr müsst zuerst das Wasser mit einer Pumpe in die Tanks befördern. Und die Wohnzimmer sind ebenerdig. Ihr habt kaum Privatsphäre. Auch eine Klospühlung gibt es nicht. Ihr müsst einen Schöpfer benutzen."

Na ja, wenn das alles ist... Wir zogen ein, und waren glücklich. Natürlich war nicht alles ideal. Eine kleine, aber laute Fabrik hinter dem Haus raubte uns manchmal den letzten Nerv. Einmal hatten wir mehrere Wochen öliges Wasser, weil die Pumpe kaputt war. Um Hautausschläge zu vermeiden, mussten wir bei Freunden duschen. Eines Abends hatten wir einen Feuerregen im Wohnzimmer, als eine "hausgemachte" Sicherung durchbrannte.

Es kamen aber auch viele Nachbarn in unser Haus. Sie wurden zu richtigen Freunden. Oft kamen wir mit ihnen auf Jesus zu sprechen. Kinder lasen auf unserem Sofa Geschichten von Jesus. Wir hoffen, dass diese Menschen in unserer "Missionarswohnung" ihre Angst vor dem (für sie) "fremden" Jesus verloren haben. Wenn das geschehen ist, spielt alles andere keine Rolle mehr.

Von Marlen & Joachim König